Interview mit Herry Klaes


Blockaden sind die Freunde unserer persönlichen Entwicklung. Wir sind es jedoch gewohnt,
mit unseren Blockaden übel abzurechnen: Mal wieder nicht geschafft, Ziel verfehlt, nichts erreicht! Dabei können diese kleinen Missetäter uns eine Menge über unsere wahren Ziele erzählen.
Man muss sie nur zum Sprechen bringen!



"Coaching ist ein Prozeß"

Herr Klaes, welchen Stellenwert hat das Coaching in einem Veränderungs-Prozess?

Coaching bedeutet zunächst mal eine persönliche Bestandsaufnahme, und dann vor allem eine Richtungsklärung: "Wo will ich hin?", um von hier aus individuelle Ziele ableiten zu können.
Über die Ziel-Definition kommt es zum Veränderungs-Prozess, der vom Coaching gespiegelt wird.
Im Verlauf des Prozesses unterstützt das Coaching bei der Modifizierung und sinnvollen Weiter-
Entwicklung der Ziele.

Was ist der Unterschied zwischen dem Coaching und der klassischen Beratung, etwa der Unternehmensberatung?

Coaching ist nicht immer an eine betriebswirtschaftliche Problemstellung gebunden. Es muss auch
nicht immer gleich eine "Abgrund-Situation" gegeben sein, um sich coachen zu lassen.
Es können auch offensive Fragestellungen sein: Wie kann ich Gutes besser machen, meine Möglich-
keiten erweitern, mein Gesichtsfeld vergrößern, neue Ideen, neue Betrachtungsweisen integrieren,
um mich selbst in meiner Tätigkeit, in meinem Unternehmen zu entwickeln, mehr Freude an meiner
Arbeit zu haben und das Unternehmen voran zu bringen.

Nennen Sie mir ein konkretes Beispiel für ein Coaching-Anliegen.

Im Bereich der "klassischen" Fragestellungen z. B. Auftragsprobleme, Personalprobleme etc.
Auf der Ebene "weicher" Fragestellungen Aspekte wie etwa die Frage: Welche Änderungen sind
sinnvoll, damit mir die Arbeit wieder mehr Freude macht, damit ich mich nicht permanent unter Termin-
druck fühle? Was kann ich tun, um mich, um das Unternehmen und die Prozesse im Unternehmen
besser zu organisieren? Oder Mitarbeiterprobleme, die sich konkret als Führungsproblem oder auch
als Motivationsproblem darstellen können. - Zusammengefasst also die ganzen Problemstellungen
in Betrieben, im Extremfall selbstverständlich auch bis hin zu dem Punkt, an dem die Existenz des
Betriebes gefährdet ist und Rettungs-Strategien entwickelt werden müssen.

Welche Vorzüge hat das Coaching gegenüber "klassischen" Beratungs-Möglichkeiten?

Es gibt die prinzipielle Unterscheidung zwischen der Prozessberatung und der Expertenberatung.
Ich finde die Expertenberatung problematisch.
Hier geht der Klient zum Experten und sagt: Ich habe ein Problem, was soll ich machen?
Der Experte untersucht und analysiert dann, präsentiert und interpretiert die Ergebnisse dieses
Tuns selbst und macht dann spezifische und kausale Vorschläge.
Anschließend verfolgt er die Umsetzung seiner Lösungsvorschläge distanziert und "objektiv",
kurz, er lässt seinen Kunden mit dieser Umsetzung allein.
Inwiefern dieser Lösungsvorschlag der Lebenswelt des Klienten entspricht, hat der Experte nicht mehr
zu vertreten. Ich bezweifle den Wert dieser Art der Beratung.
In der Prozessberatung spielt sich der Berater nicht als der Guru auf. Er erkennt die Kompetenz
des Klienten an, der ist der Fachmann und die Erfolge des Prozesses werden gemeinsam verfolgt
und überprüft.

Das heißt, am Ende eines Coachingprozesses kann durchaus eine Lösung stehen, die Sie
als Coach nicht von vorneherein als die Beste betrachtet hätten?


Ich würde nie sagen, dass ich die beste Lösung kenne, das würde wahrscheinlich der Experten-
berater so sehen. Der kommt von außen, analysiert Betriebsabläufe, Kostenstrukturen etc., und bietet
dann Lösungen an: hier müssen Leute entlassen werden, da das Debitorenmanagement verbessert
und dort die Marketingstrategien verändert.
Das jedoch ist nicht mein Ansatz.
Gefundene Lösungswege sind eine gemeinsame Creation von Klient und Berater. Beide haben
einen voneinander abweichenden Blick auf die Beratungsfelder. Vereinigt man in der Beratung
diese Blickfelder, so ergibt das für beide Seiten eine Erweiterung der Perspektiven.
Das heißt auch, beide Seiten lernen in diesem Prozess!
Ich sehe mich da eher in der Rolle des kundigen Pfadfinders, der immer wieder `mal den Kompass hochhält, um zu sehen, an welchem Punkt auf der gemeinsam gefertigten Ziellandkarte wir uns
befinden.
Das ist dann gleichzeitig auch die Gelegenheit zu einer Korrektur des Weges - oder auch des
Zieles, denn im Laufe des Prozesses werden neue Erfahrungen gemacht, die auch zu einer
Neu-Definition der Ziele führen können.
Coaching ist - wie Sie sehen - ein sehr lebendiger und dynamischer Prozess.

Ein Klein-Unternehmer hat immer wieder Probleme mit dem Personal. Er spürt permanent Unzufriedenheit bei seinen Mitarbeitern. Der Grund: Er fährt regelmäßig aus der Haut, wenn
etwas schief läuft. Mit den Konflikten, die er auf diese Art produziert, schafft er die Unzufrieden-
heit unter seinen Leuten immer wieder neu.


Nun, das sind persönliche Haltungen, Blockaden, die ein anderes Verhalten verhindern.
In jedem Lösungsprozess stößt man auf unterschiedlich ausgeprägte Blockaden.
Blockaden sind keine Fehler, sondern wichtige Hinweise auf das wirkliche Wollen eines Klienten.
Sehr oft stimmen unsere bewusst geäußerten Ziele nicht mit unseren inneren überein.
Diese gilt es zu erkennen und in eine realistische Zielfindung einfließen zu lassen, um so zu
einem Verhalten zu kommen, dass den gemeinsamen Erfolg im Unternehmen nicht gefährdet,
sondern fördert.

Man versucht also, Blockaden bewusst zu machen und damit Veränderung zu ermöglichen.

Richtig. Es soll eine Draufsicht, quasi eine Adlerposition auf eigenes Handeln erreicht werden,
die ein klareres Handeln im Sinne der eigenen Ziele erst ermöglicht.

Coaching verlangt ja in diesem Sinne eine sehr persönliche und intensive Auseinander-
setzung mit den Klienten. Wird einzeln oder auch in Gruppen gearbeitet?


Beides ist möglich. Beim Gruppencoaching besteht die Möglichkeit, Menschen mit ähnlichen Fragestellungen zusammen zu führen. Dadurch wird durch die Vielzahl an Sichtweisen und Erfahrun-
gen das Feld der individuellen Perspektiven enorm erweitert. Diese Perspektiven werden jedoch
nicht nur addiert, sondern durch den Coachingprozess zu einer neuen Qualität verwoben.
Das nennt man dann auch Co-Kreation.

Über Ihren Dienstleistungen steht das Motto "Veränderung mit Gelassenheit". Was meinen
Sie damit?


Sehr oft wird mit schnellen Lösungen geworben. Das erzeugt Erwartungen und Druck. Ein so vorbe-
lasteter Klient wird sich ebenso schnell sehr ratlos fühlen, wenn sich die Erwartungen nicht erfüllen. Veränderungsprozesse brauchen ihre Zeit. Es hat ja auch etwas mit Persönlichkeitsbildung zu tun,
da man eben Perspektiven ändert und neue Ziele definiert. Coaching mit Gelassenheit - das verhin-
dert nicht den schnellen Erfolg, wo er denn möglich ist, hilft aber, Scheinlösungen zu verhindern.

Hat das etwas damit zu tun, das man aus dem Beratungsprozess den Druck und das Tempo
raus nehmen will, um beim Klienten den Kopf frei zu kriegen für wirkliche Veränderung?


Ja, das ist ganz wichtiger Punkt. Viele fühlen sich unter Druck, empfinden möglicherweise gelegent-
lich auch Panik. Das erzeugt einen Tunnelblick. Die Vielfalt der Handlungsoptionen wird gar nicht
mehr wahrgenommen. Es besteht eine hohe Neigung, vertraute, wenn auch möglicherweise nicht
oder nicht mehr erfolgreiche Lösungswege zu beschreiten. Hier gilt es,
den Blick wieder frei zu bekommen.

Wie kontrollieren Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?

Der Zielfindung folgt der konkrete Veränderungsprozess mit konkreten Vereinbarungen und konkreten Schritten. Ich vereinbare mit dem Klienten einzelne Schritte und einen Zeitrahmen für die Erreichung
von Teilzielen. Länge und Tempo der Schritte orientieren sich an seinen Wünschen und Möglichkeiten.
Jeder Schritt bietet die Möglichkeit der Reflexion des Erreichten bzw. nicht Erreichten. Das kann
dann immer wieder bedeuten, dass definierte Ziele korrigiert werden.

Das heißt also, Sie begleiten Ihre Klienten auch bei der Umsetzung der gemeinsam
gefundenen Lösungen?


Ja, unbedingt. Aus den oben beschriebenen Gründen ist dies ein integraler Bestandteil meiner
Beratung. Kernpunkte sind nicht allein die gefundenen konkreten Lösungen, sondern auch eine
Erweiterung der Problemlösungs-Kompetenz beim Klienten.